Vor lauter Unverständnis über die aktuellen Geschehnisse, hier eine Ode an den Pabst des deutschen Fernsehen ...
Fast hätte ich die dicken Lettern übersehen, die mir am Zeitungsstand entgegensprangen. Ahnungslos spazierte ich mit meinem Hund der harten Wahrheit entgegen: AUS FÜR HARALD SCMIDT. "NEIN!!!!!!!!!!" schrie ich ganz laut, mitten hinein in die Geschäftigkeit der Stadt, die sich um die hinter diesen Lettern verborgene Realität nicht kümmerte. Ein Mann ging vorbei, wurde ungewollt hineingeschleudert in mein "NEIN", in meine grenzenlose Verzweiflung. Vielleicht hatte er Mitleid mit mir, dachte, meine Freundin hätte gerade mit mir Schluss gemacht. Vielleicht war er ja auch einer von diesen ICH-VERSTEHE-HARALD-SCHMIDT-NICHT-TYPEN, die mich nie verstehen werden. Und das ist der Punkt: Harald Schmidt zu sehen, zu verstehen und deshalb über seine Bonmots zu lachen, bedeutet mehr als den Genuss einer nächtlichen Show, die das Vorspiel ist zur Show, die sich dann abspielt, wenn wir ins Reich der Träume sinken.
Harald Schmidt ist für mich ein Begriff, der für eine bestimmte Lebenseinstellung steht. Die Kernpunkte dieser Lebenseinstellung sind Interesse am aktuellen Tagesgeschehen, Offenheit, Freude an den Raffinessen der deutschen Sprache, Mut, jedes Thema anzusprechen und die göttliche Gabe, weder sich selbst noch das Leben zu ernst zu nehmen, auch wenn es im Grunde bitterernst ist. Die Subtilität, die Finesse von Harald Schmidts elegantem Humors ist nicht jedermann zugänglich. Und das ist auch gar nicht beabsichtigt, hat Harald Schmidt doch einst Zuschauer gebeten, abzuschalten, begleitet von den Worten: "Wir sind ein kleiner Kreis, eine gemütliche Familie, bitte treiben Sie die Einschaltquoten nicht unnötig in die Höhe. Wir wollen unter uns sein."
Mit der Konzeption der gesamten Sendung ist auch tatsächlich der Eindruck einer "kleinen Familie" entstanden. Harald ist kein Alleinunterhalter, was ja das perfekte Zusammenspiel von Harald, Manuel, Helmut und Zuzana und die immer wiederkehrende Einbindung des gesamten Teams zeigt (Stichwort: Kegeln in den Redaktionsräumen).
Fernsehen heutzutage vermittelt kaum eine Wohlfühlatmosphäre. Die Welt ist kein wohliger Ort also muss es das Fernsehen als komprimiertes und selektiertes Abbild derselben erst recht nicht sein. Vorgegaukelte Idylle, die gibt es sicherlich. Doch gerade die Sendungen, die Wohlfühlatmosphäre für sich beanspruchen, wie etwa Kerner oder Beckmann, schmecken in journalistischer und intellektueller Hinsicht wie angeschimmelte Milch (nicht das ich je welche getrunken hätte). Harald Schmidt aber macht trunken. Er serviert uns einen edlen Tropfen, und das ist im deutschen Fernsehen EINMALIG. Wirklich EINMALIG! Kaum noch eine weitere Sendung, die sich anzuschauen lohnt! Jede Abwesenheit Haralds, jede Sommerpause war und ist ein Verlust. Die Nachricht von der fünften Sendung ein absoluter Gewinn! Wie wunderbar können Montage enden! Und jetzt DAS! Ich weiß nicht, was ich sagen soll (auch wenn ich schon viel gesagt habe). Natürlich werden wir weiterleben und weiterhin mit unseren Hunden spazieren gehen, wir, die HARALD-SCHMIDT-VERSTEHER, aber um 23.15 Uhr wird unsere Fernbedienung in der Ecke liegen bleiben.
Wie gut nur, dass es die Erinnerung gibt. Sendungen wie Harald sie präsentiert, die verlieren sich nicht in den Gehirnwindungen, die brennen sich ins Gedächtnis. Vielleicht erzähle ich mal mit 60 Jahren irgendwelchen Menschen, die es hören wollen oder auch nicht, dass da einer war, der im Studio an die Zuschauer Christbäume verscherbelte, der Bücher an sein Publikum verschenkte, der einen Western, einen Krimi, ein Musical inszenierte, selbsternannte Schauspieler castete, eine ganze Sendung nur auf französich moderierte und der sich im Flugzeug stets umsah, ob nicht Franz Beckenbauer hinter ihm saß. Denn bei einem möglichen Absturz, so Harald, fürchte er sich vor der Schlagzeile am nächsten Tag: FRANZ BECKENBAUER TOTwerde dort in großen Lettern stehen und ganz klein, als Randbemerkung, Harald Schmidt, ehemals SAT 1, auch tot. So wolle er nicht sterben.
Vielleicht werden mich dann die, die mir zuhören, mit großen Augen anblicken, leise den Kopf schütteln ob meiner Senilität und stumm zur Fernbedienung greifen, denn um 23.15 Uhr wird die Live-Übertragung eines Kannibalen mit seinem Opfer gezeigt, zum Festmahl singt der frisch gecastete Deutschland-sucht-den-Superstar-Superstar.
Ich habe Gänsehaut.
Harald, Deine Sendung war eines der größten Geschenke der deutschen Fernsehgeschichte! Danke, dass wir acht Jahre dabei sein durften. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen! Ich glaube daran. Vielleicht macht das der Mann am Zeitungsstand ja auch. Vielleicht gehört er ja doch zu dem elitären Kreis der HARALD-SCHMIDT-VERSTEHER.