Das Leben als Computerspiel
Die Götter der südkoreanischen Spielhöllen
Wenn Kang Min die Arena betritt, bekommen Südkoreas Mädchen weiche Knie. In seinem Mannschaftstrikot gleicht der schmächtige Teenager einem Astronauten. Sein Element ist der Cyberspace. Kang Min lebt für und von Starcraft - ein Online-Spiel, das in Südkorea weit mehr ist als ein bloßer Zeitvertreib. Es ist ein Hochleistungssport. Die Turniere der Profiliga werden von den Jugendlichen gebannt verfolgt - in den Spielhöllen oder im Fernsehen, denn zwei Kabelsender übertragen sie live. Und die besten Spieler werden von Koreas Jugend vergöttert.
Kang Min ist ihr Idol. Er gehört dem berühmtesten Spieler-Team an, dem Team der Koreanischen Telekom KTF. Mit seinen Teamkollegen bewohnt er ein exklusives Haus am Rande von Seoul. Was draußen geschieht, kann ihm egal sein, denn er bekommt von seinem Sponsor ein stattliches Gehalt von 100.000 Euro im Jahr.
Harte Schule
Online-Spiele sind in Südkorea eine aufstrebende Industrie. Die Branche wird kräftig vom Staat unterstützt, denn der ostasiatische Tigerstaat will Marktführer in dem Milliarden-Geschäft werden. In der Game Academy in Seoul lernen die zukünftigen Software-Ingenieure, virtuelle Realitäten zu entwerfen, die täuschend echt wirken.
Sie gehen durch eine harte Schule: "Unterricht ist von morgens um neun bis nachmittags um vier. Danach gibt's Übungen. Keiner verlässt die Schule vor zehn Uhr abends. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Ferien gibt es nicht", sagt Kim Il, Direktor der Akademie. Die staatlichen Hilfen beginnen zu greifen: Bisher wurden durch sie über hundert neue Spielefirmen gegründet.
Das Ende des Traumes
Die Schattenseite der Online-Welt: Die Zahl spielsüchtiger Jugendlicher steigt rasend schnell in Südkorea. "Sie haben in ihrem richtigen Leben keine Identität mehr und existieren nur noch für das Online-Spiel. Sie halten, was sie im Spiel erreichen, für eine wirkliche Heldentat. Die langfristigen Folgen für Schulleistungen, Familie und Beruf sind noch gar nicht abzusehen", sagt Dr. Kim, Psychiater in Seoul. Er weiß, wovon er spricht, denn er therapiert die spielsüchtigen Südkoreaner, unter denen immer mehr Kinder sind.
Kang Min, der Online-Gott, mag sich noch einige Zeit darauf beschränken, gegen Wurmwesen und Drohnen zu kämpfen. Aber selbst die Profis müssen sich früher oder später der Realität stellen. Kang Min weiß das: " Anfang zwanzig ist das beste Alter für Gameprofis. Dann müssen wir in Korea alle zur Armee. Das sind zwei Jahre, in denen wir nicht üben können - für die meisten und wahrscheinlich auch für mich ist dies das Ende der Karriere."
Quelle und weitere Infos: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/5/0,1872,2145061,00.html (5.8.04)